Prävention von Typ-2-Diabetes | Apotheken-Depesche 3/2018

Risiko besser einschätzen mittels HbA1c – so funktioniert‘s!

Typ-2-Diabetes ist nach wie vor ein immenses Gesundheitsproblem und eine frühzeitige Identifikation von besonders gefährdeten Personen von äußerster Wichtigkeit. In einer aktuellen Metaanalyse zeigten US-amerikanische Forscher, wie man das Risiko am HbA1c zuverlässig einschätzen kann – selbst ohne weitere Labordiagnostik.

Ein im nicht-diabetischen Bereich erhöhter HbA1c (Hämoglobin A1c) ist nachweislich mit einem erhöhten Risiko verbunden, künftig einen Diabetes zu entwickeln. Ein solcher Prädiabetes liegt gemäß der American Diabetes Association (ADA) bzw. des International Expert Committee (IEC) bei einem HbA1c zwischen 5,7 und 6,4% bzw. 6,0 und 6,4% vor. Die World Health Organization (WHO) spricht allerdings keine Empfehlung für ein Prädiabetes-Screening mittels HbA1c aus.
Gegenüber dem Nüchternblutzucker (NBZ), an dem das Diabetesrisiko klassischerweise festgemacht wird, hat der HbA1c einige Vorteile: Statt einem Punktwert spiegelt er die durchschnittliche langfristige Glucoseexposition wider, er ist auch nicht-nüchtern messbar, hat eine geringe intraindividuelle Variabilität und ist weltweit standardisiert.
Studien haben gezeigt, dass die Hinzunahme des HbA1c die Aussagekraft des NBZ in der Risikoeinschätzung verbessert. Nun wurde untersucht, wie sich der HbA1c als alleiniger Risikomarker und in Kombination mit anderen verfügbaren Daten schlägt, und welche Aussagen zum Risiko man konkret aus der Messung ableiten kann. Die Studie evaluierte vier mögliche Szenarien:
1) Nur HbA1c (ansonsten sind nur Alter und Geschlecht des Patienten bekannt),
2) HbA1c plus Nüchtern-Labor (inkl. NBZ),
3) HbA1c plus klinische Daten (ohne weitere Labordaten) und
4) HbA1c plus Nüchtern-Labor plus klinische Daten.
Zur Risikoevaluation verfolgte man die Kohorten der zwei Studien FHS und ARIC (Framingham Heart Study bzw. Atherosclerosis Risk in Communities). Die FHS-Kohorte schloss insgesamt 2243 hellhäutige Patienten mittleren Alters ein, die initial keinen Diabetes aufwiesen. Analog erfolgte der Patienteneinschluss der 9001 hellhäutigen und 2293 dunkelhäutigen Teilnehmer der ARIC-Studie. Über 19 bzw. 22 Jahre lang erfasste man in den Kohorten das Neuauftreten eines Typ-2-Diabetes. Dieser wurde definiert als ein NBZ ≥126 mg/dl oder Start einer antidiabetischen Therapie oder (nur in ARIC) als Eigenangabe einer ärztlichen Diabetesdiagnose. Als Kovariablen wurden BMI, Blutdruck, ethnische Zugehörigkeit und elterliche Vorgeschichte von Typ-2-Diabetes erfasst. Neben der Nüchternglucose wurden auch die HDL- und Triglyzeridspiegel bestimmt.
 
Pro 1% im HbA1c steigt das Risiko um das Zwei- bis Vierfache
 
Insgesamt 3315 Teilnehmer entwickelten innerhalb von 20 Jahren einen Typ-2-Diabetes. Gegenüber den gesund Gebliebenen hatten diese erwartungsgemäß im Schnitt einen höheren initialen HbA1c sowie einen höheren BMI und Blutdruck, höhere NBZ- und Triglyzeridwerte, niedrigere HDL-Spiegel und häufiger eine familienanamnestische Vorbelastung.
Pro HbA1c-Anstieg um 1% stieg das Risiko, in den nächsten 20 Jahren an Typ-2-Diabetes zu erkranken, insgesamt um den Faktor 4,5 (95%- KI 3,35-6,03) bzw. um den Faktor 4 bei den dunkelhäutigen und um den Faktor 4,73 bei den hellhäutigen Teilnehmern. Unter Berücksichtigung von Nüchtern-Labor und klinischen Daten verschwand der ethnische Unterschied, und die Prädiktionskraft des HbA1c-Wert wurde verbessert: Pro 1%-Anstieg des HbA1c stieg das 20-Jahres-Risiko einer Diabetesdiagnose um insgesamt 2,68 (95%-KI 2,15-3,34), wobei das Erkrankungsrisiko innerhalb der ersten acht Jahre erheblich höher war als danach (OR 5,79 bzw. 2,23). Den größten positiven Prädiktionswert (PPV) für ein erhöhtes 20-Jahres-Risiko hatte ein HbA1c-Grenzwert ≥5,7% oder ≥6,0% (PPV 97 bzw. 99%). Mit einer HbA1c-Grenze <5,4% ließ sich zumindest ein kurzfristiges bzw. über acht Jahre erhöhtes Diabetesrisiko sicher ausschließen (negativer Prädiktionswert, NPV 100%).
In allen vier Modellen war also ein erhöhter HbA1c mit einem erhöhten Diabetesrisiko verbunden, und zwar sowohl kurz- als auch langfristig, und sowohl mit als auch ohne Vorliegen einer gestörten Nüchternglucose (Risikosteigerung pro 1%-HbA1c-Zunahme um den Faktor 3,14 bzw. 2,2 im voll adjustierten Modell).
 
Ein zuverlässiger Prädiktor
 
Der HbA1c-Wert eignet sich aus Sicht der Autoren daher sehr gut, um Diabetes-gefährdete Personen ohne offenkundige Anzeichen einer Hyperglykämie frühzeitig zu identifizieren. Die Ergebnisse verdeutlichen außerdem, dass ein erhöhtes Diabetesrisiko selbst nach acht Jahren ohne Krankheitsausbruch immer noch ein relevantes Ausmaß besitzt.
Die Autoren empfehlen außerdem, diese Zahlen auch Patienten zu vermitteln, um ihnen die Risikosituation zu verdeutlichen. OH

Quelle:

Leong A et al.: Prediction of type 2 diabetes by hemoglobin A1c in two community-based cohorts. Diabetes Care 2018; 41(1): 60-8

ICD-Codes: E11.9

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