Antidiabetisches Potenzial | Apotheken-Depesche 4/2018

Pflanzliche Wirkstoffe gegen Typ-2-Diabetes

Vielen Phytotherapeutika werden in der Erfahrungsmedizin antidiabetische Wirkungen zugeschrieben, auch wird vermehrt auf diesem Gebiet geforscht. In den WHO-Monografien werden mittlerweile acht Heilpflanzen der Indikation „Diabetes“ zugeordnet.

Obwohl Literatur zur klinischen Wirksamkeit von Phytotherapeutika bei Diabetes zahlreich vorliegt, besteht ein Bedarf an zusätzlichen evidenzbasierten Daten. So geben Paolo Governa et al. in ihrer vorliegenden Arbeit eine Übersicht über den Stand der Forschung.
Verschiedene Arzneipflanzen wirken an Schlüsselpunkten des Glukosestoffwechsels. Die häufigsten gemeinsamen Wirkmechanismen, die bislang bekannt sind, umfassen die Hemmung der alpha-Glucosidase- und der AGE-Bildung (AGE: Advanced Glycation Endproducts), den Anstieg der Expression von GLUT-4 (Glukosetransporter Typ 4, Membran-Transportprotein) und PPARs (Peroxi-som-Proliferator-aktivierte Rezeptoren) sowie antioxidative Aktivitäten.
Die WHO hat in ihre Monografien acht Heilpflanzen mit der Indikation „Diabetes“ aufgenommen. Bei zwei Phytotherapeutika (Ocimum tenuiflorum und Trigonella foenum-graecum) wird die Nennung von klinischen Daten gestützt, bei den übrigen geht die Zuordnung der WHO auf Pharmakopöen wie das Europäische Arzneibuch und andere etablierte Dokumente zurück.
 
Ocimum tenuiflorum L.
 
Dieser bis zu einem Meter hohe Strauch aus der Familie der Lamiaceae (Lippenblütler) ist in Asien beheimatet und auch als indisches Basilikum oder Tulsi bekannt. Die wichtigsten chemischen Bestandteile der Blätter sind Tannine und ätherische Öle. Eine klinische, randomisierte, plazebokontrollierte Studie (RCT) aus dem Jahr 1996 zeigte, dass O. tenuiflorum und O. album bei nicht-insulinabhängigem Diabetes in der Lage waren, die postprandiale Blutglukose signifikant zu senken.
Eine neuere Studie (2017) mit 30 jungen, übergewichtigen oder adipösen Probanden untersuchte den Effekt der Einnahme von O. tenuiflorum 250 mg zweimal täglich für acht Wochen. Die Supplementation senkte im Vergleich mit der Kontrollgruppe das Plasmainsulin um 28%, die Insulinresistenz um 25%. Die Blutfettwerte normalisierten sich. Außerdem hatte die Einnahme positive Auswirkungen auf den Body Mass Index (BMI): Das Körpergewicht der Teilnehmer sank.
Mehrere Tierstudien liegen vor, die zeigen, dass O. tenuiflorum die Entwicklung einer Insulinresistenz verzögern kann. Die Wirkstoffe in Tulsi induzieren eine Abnahme der Lipidperoxidation, vermutlich durch eine Erhöhung antioxidativer Enzyme und der reduzierten Glutathionspiegel.
 
Trigonella foenum-graecum L.
 
Neuere Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen kommen zu dem Schluss, dass eine regelmäßige Einnahme von Bockshornkleesamen eine vielversprechende ergänzende Option im klinischen Management von Diabetes sein könnte. Bockshornkleesamen enthalten Schleimstoffe, bioaktive Verbindungen wie Trigonellin und Diosgenin und Ballaststoffe wie Galactomannane. Die Wirkstoffe in T. foenum-graecum tragen zu einer besseren glykämischen Kontrolle bei Diabetes-Typ-2-Patienten bei, sie verringern die Nüchternblutglukose sowie postprandiale Glukosewerte (zwei Stunden) und HbA1c (glykiertes Hämoglobin).
In-vivo-Studien mit Tieren zeigen die hypo-glykämischen und hypolipämischen Aktivitäten von Bockshornkleesamen. Die Mechanismen, die der antidiabetischen Wirkung der Samen zugrunde liegen, umfassen die Senkung des Blutglukosespiegels über einen Insulinsignalweg und die Stimulierung der Glukoseaufnahme in peripheren Geweben.
 
Allium cepa L.
 
Die Küchenzwiebel Allium cepa L. weist ebenfalls antidiabetische Aktivitäten auf. So ist z. B. das in der Zwiebel (dem Bulbus) enthaltene Quercetin für die alpha-Glucosidase-Inhibition verantwortlich. Zusammen mit Rutin erhöht es außerdem die GLUT-4-Translokation, die Glukoseaufnahme und die Insulinwirkung. Weitere Bestandteile wirken als Radikalfänger und nehmen am Redoxprozess von Glutathion und Cystein teil. Der Verzehr von 100 g Zwiebelscheiben pro Tag zeigte in einer pivotalen Studie bei Patienten mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes signifikante antidiabetische Wirkungen. Die Nüchternblutglukosewerte nahmen bei beiden Diabetestypen deutlich und nachvollziehbar ab.
Eine In-vivo-Studie zeigte, dass A. cepa eine interessante antihyperglykämische Zusatztherapie darstellen könnte, da es Cholesterin, Triglyzeride und LDL-Cholesterin bei diabetischen Ratten senken konnte.
 
Azadirachta indica A. Juss
 
A. indica, auch bekannt als Niembaum oder Neem, ist ein immergrüner Laubbaum. In Indien werden Niemprodukte seit Jahrtausenden gegen verschiedene Krankheiten eingesetzt, u. a. auch bei Diabetes mellitus. Seine zahlreichen und komplexen Inhaltsstoffe sind schon länger Gegenstand der Forschung, aber immer noch nicht komplett entschlüsselt. Therapeutisch verwendet werden die Blätter.
In mehreren In-vivo-Studien an Tieren zeigten Extrakte aus Niemblättern verschiedene Wirkungen, z. B. anti-Lipidperoxidation, antihyperglykämische und antihypercholesterinämische Aktivitäten sowie eine Verringerung der Serumtriglyzeridspiegel. Weitere Studien sind aber notwendig, um die Wirkungen zu verifizieren.
 
Panax ginseng C.A. Meyer und Panax quinquefolius L.
 
Seit über 5000 Jahren wird Ginseng in der chinesischen Medizin verwendet. Der Begriff „Ginseng” bezieht sich auf mehrere Panax-Arten. Panax ginseng (Asiatischer / Koreanischer Ginseng) und Panax quinquefolius (Amerikanischer Ginseng) sind die medizinisch am häufigsten eingesetzten Arten. Verwendet werden die getrockneten Wurzeln, deren Hauptbestandteil Ginsenoside sind.
Mehrere systematische Übersichtsartikel beschreiben das Potenzial von Ginseng bei der Behandlung von Diabetes. Hier liegen allerdings durchaus kontroverese Schlussfolgerungen vor.
Neuere Meta-Analysen brachten auch positive Ergebnisse. Eine Auswertung von 16 Studien hatte zum Ergebnis, dass die Einnahme von Ginseng über 4 bis 24 Wochen den Nüchternblutglukosespiegel mäßig, aber dennoch signifikant senken kann.
In einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2016 bewirkte die alleinige Gabe von Ginseng verbesserte Nüchternblutglukosespiegel und postprandiale Insulinspiegel im Vergleich zu konventionellen Therapien.
 
Momordica charantia L.
 
Dass die Bittergurkenfrucht (Momordica charantia fructus) den Blutzucker beeinflusst, ist schon länger bekannt, doch lagen keine belastbaren Studien vor.
Mittels randomisierter Doppelblindstudie konnte eine Arbeitsgruppe der Justus-Liebig-Universität Gießen nun nachweisen, dass ein Bittergurkenextrakt den Nüchternblutzucker bei Typ-2-Prädiabetikern senken kann. Hier eine Wirkung nachzuweisen, war zwar schwierig, so die Autoren der Studie, es gelang jedoch eindeutig. Denn: Je höher der Nüchternblutzucker, desto größer der senkende Effekt des Extraktes. Für Menschen mit Diabetes ist also ein noch stärkerer Effekt zu erwarten als für Menschen mit Prädiabetes. (Krawinkel M B et al.: Bitter gourd reduces … Journal of Ethnopharmacology 2018; 216, 1-7).
Die wichtigsten Bestandteile von M. charantia sind Sterole, Triterpene und bioaktive Proteine. Tierstudien zu den Wirkmechanismen liegen vor, weitere Humanstudien sind aber notwendig.
 
Rehmannia glutinosa (Gaertn.) DC.
 
Vom chinesischen Fingerhut (Di Huang) werden die getrockneten Wurzeln und Rhizome verwendet. Die Hauptbestandteile sind Iridoidglycoside und Monoterpene. Der wässrige Extrakt von R. glutinosa enthält die größte Menge charakteristischer Bestandteile.
Die Wirkmechanismen wurde in In-vitro-und In-vivo-Modellen untersucht. Wässrige R. glutinosa-Extrakte haben eine hohe Freie-Radikalfänger-Aktivität, reduzieren die ROS-Produktion, unterdrücken die NF-kB-Aktivität und waren in der Lage, die Expression proinflammatorischer Gene herunterzuregulieren.
In weiteren Tiermodellen konnten hypoglykämische Wirkungen festgestellt und die schützende Wirkung durch das enthaltene Catalpol, das AGE-vermittelte Entzündungen unterdrückt, weitgehend bestätigt werden. EG

Quelle:

Governa P et al.: Phytotherapy in the management of diabetes: A review. Molecules 2018, 23, 105; doi: 10.3390/molecules23010105

ICD-Codes: E11.9

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