Kleines Mineralstoff-Vademecum 6. Folge | Apotheken-Depesche 3/2001

Kalzium - Lebensbaustein für jung und alt

In dieser Folge unseres kleinen Mineralstoff-Vademecums befassen wir uns mit dem zu den Mengenelementen zählenden Kalzium. Kalzium ist das fünfthäufigste Element der Erdoberfläche und mit ca. einem Kilogramm das mengenmäßig häufigste im menschlichen Körper. Zu 99 Prozent mit Phosphor gebunden als Hydroxylapatit im Skelett und den Zähnen eingelagert, ist es essentiell erforderlich für die ständig ablaufenden Abbau- und Erneuerungsprozesse in den Knochen, spielt aber auch eine entscheidende Rolle als "Aktivator" vieler unterschiedlicher Reaktionen innerhalb und außerhalb der Zelle. Da der Körper nicht in der Lage ist Kalzium selbst zu synthetisieren, müssen wir für eine ausreichende Zufuhr sorgen.

Nur etwa ein Prozent des Körper-Kalziums ist in den Körperflüssigkeiten gelöst, über 99 Prozent des Kalziumbestandes findet sich im Skelett. Kalzium hat zwei unterschiedliche und wichtige Funktionen: In großen Mengen ist es der wichtigste Baustein des Skelettgerüsts, das auch die Rolle des Kalziumdepots im Körper übernimmt. Ausreichende Ionenkonzentrationen sind deshalb unabdingbare Voraussetzung für ein adäquates Ablaufen des Knochenmetabolimus. In kleinsten Mengen, als zweiwertiges Kation, ist es ein entscheidender Regulator zahlreicher Zellfunktionen und als intrazellulärer "second messenger" Aktivator vieler enzymatischer Reaktionen. Kalzi-umionen regulieren die Membranpermeabilität, modulieren damit die Erregbarkeit von Nerven und Muskeln und sind essentiell für die Kontraktion von Skelett- und Herzmuskel. Extrazellulär imponiert Kalzium u.a. als wichtiger Kofaktor der Gerinnung, namentlich der Prothrombinkonzentration Vii, IX und X. Dieser Dualismus bedeutet das Nebeneinander extremer Konzentrationsgradienten in den verschiedenen Kompartimenten des Organismus. Die Aufrechterhaltung der Calciumhomöostase im Organismus wird im wesentlichen durch das Zusammenspiel der drei Hormone Parathormon, Calcitonin und Vitamin D3 (Calcitriol) gewährleistet, die über Darm, Niere und Knochen regulierend in den Kalziumstoffwechsel eingreifen. Die intestinale Kalzium-Absorptionsrate unterliegt großen Schwankungen (10 bis 60 Prozent), in Abhängigkeit vom Bedarf, vom Angebot und der Funktionsfähigkeit der Resorptionsmechanismen. Bei gemischter Kost werden ca. 20 bis 40 Prozent des Kalziumangebots resorbiert. Es existieren parallel zwei Mechanismen der Aufnahme: Ein aktiver, parazellulärer, von der Anwesenheit von D-Hormon abhängiger, der vor allem durch Parathormon gesteuert wird, und ein passiver, parazellulärer, der allein konzentrationsabhängig ist: eine Diffusion findet immer in Richtung der niedrigeren Konzentration statt und ist umso ausgeprägter, je größer der Unterschied ist. Damit forciert eine Erhöhung des Substratdruckes im Darm automatisch die passive Resorption. Insgesamt ist die Resorption von Kalzium jedoch ein hochkomplexer Vorgang, der noch längst nicht restlos aufgeklärt ist. Kalzium wird in hohem Umfang endogen in das Darmlumen sezerniert, dort teils rückresorbiert und ca. 400 mg/Tag mit dem Stuhlgang bzw. Urin wieder ausgeschieden, wobei die Ausscheidung zu 70 bis 90 Prozent über den Darm passiert. Aufgrund der Resorptionsrate (s.o.) wird die empfohlene Kalziumzufuhr mit 1000 mg/Tag angegeben (siehe Tabelle S.24) Die Resorbierbarkeit von Kalzium wird durch bestimmte Nahrungsbestandteile (z.B. Phytinsäure, Phosphate, Ballaststoffe, Oxalsäure) beeinträchtigt. Fördernd für die Kalziumaufnahme sind das fettlösliche Vitamin D und möglicherweise Milchzucker. Wie bei allen anderen Mineralstoffen spielt auch bei Kalzium die Ernährungsweise eine entscheidende Rolle. Negativ wirken sich übermäßige Fettaufnahme, Oxalat (Spinat), Phytat (Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte) sowie Phosphor (Schmelzkäse) aus. Phosphathaltige Getränke (Cola) und Speisen (Fast Food) wirken resorptionshemmend, auch Kakao wegen des hohen Oxalsäuregehaltes. Gleiches gilt für Kaffee oder Tee (Gerbsäure), Rauchen und Alkohol. Weitere Ursachen sind starkes Schwitzen (z.B. durch Arbeit, Sport, Hitze), Stress, die Einnahme von Laxanzien, Kortison, blutzuckersenkenden Mitteln, aber auch ein Mangel an Vitamin D bzw. Nebenschilddrüsenhormon. Insbesondere ein hoher Anteil von Natrium und tierischem Eiweiß in der Nahrung führt zu erhöhten renalen Kalziumverlusten. Hinzu kommen Faktoren wie eine schlechte Kalziumaufnahme. Ältere Menschen produzieren weniger Magensäure, was in einer bis zu über 80%igen Verringerung der Kalziumaufnahme resultieren kann. Hormonal entspricht dem ein Abfall des Calcitriols und ein Anstieg des Parathormons mit dem Lebensalter. Die lange gängige Empfehlung für Patienten mit Calcium-Oxalat-Steinen, die Kalziumzufuhr zu beschränken ist heute obsolet, da man weiß, dass Oxalat das determinierende Substrat ist. Vielmehr ist auch bei diesen Patienten eine ausreichende Kalziumversorgung Voraussetzung für eine Prophylaxe von Kalzium-Mangelerscheinungen. Ein erhöhter Bedarf besteht für Frauen in der Schwangerschaft und Stillzeit sowie im Klimakterium, außerdem für Kinder während des Wachstums. Studien haben gezeigt, dass man von einem guten Kalziumdepot aus der Jugendzeit für den Rest des Lebens profitieren, sprich das Risiko für Osteoporose minimieren kann. Die Optimierung der Knochenmasse im jugendlichen Alter sowie die Minimierung des Knochenabbaus im höheren Alter durch eine entsprechende Kalziumzufuhr sind entscheidende Faktoren, um einer Osteoporose entgegenzuwirken. Neben den negativen Auswirkungen auf das Skelettsystem gehören zu den typischen Symptomen eines Kalziummangels schmerzhafte Muskelkrämpfe (Tetanie), eine Neigung zu vegetativen Störungen (eine Veränderung der Erregbarkeit der Reizbildung und der Reizleitungssysteme des Herzens), Gelenkschmerzen und chronische Veränderungen der Haut, Haare, Nägel sowie Zähne. Studien haben gezeigt, dass die Kalziumzufuhr in der Bevölkerung heute immer noch deutlich unter den Empfehlungen der DGE liegen. Dies gilt insbesondere für Frauen. Man weiß, dass die Kalziumresorption einer degressiven Kinetik unterliegt: Unterschreitet die Zufuhr einen gewissen Schwellenwert, kommt es zu einem Defizit; überschreitet sie einen oberen Grenzwert, nimmt die Resorptionsrate wieder ab, und die positiven Auswirkungen auf die Kalziumbilanz vermindern sich. Auf Grund dieser "Resorptionsbarriere" kann im allgemeinen durch orale Kalziumzufuhr über Diät oder Tabletten keine Hypercalcämie erzeugt werden. Eine Kalziumzufuhr bis 2000 mg pro Tag gilt für Gesunde als unbedenklich. Es ist besser, möglichst kontinuierlich und in physiologischen Mengen Kalzium zuzuführen als den Mineralstoff kurzzeitig hochdosiert einzunehmen. Wichtigste natürliche Kalziumlieferanten sind Milch und Milchprodukte, die jedoch für viele Menschen entweder nicht verträglich sind (Kuhmilchallergie, Laktose-Intoleranz,) oder wegen der damit verbundenen Kalorienaufnahme nicht akzeptiert werden. Jede vierte Frau über 60 Jahren (und ca. 15 Prozent der Männer) leidet heute an Osteoporose. An den direkten Folgen dieser Erkrankung sterben ebenso viele Frauen wie am Brustkrebs. Hier kann eine Supplementierung mit Kalzium positiv einwirken auf das komplexe Zusammenspiel der Hormone, die den Knochenstoffwechsel steuern. Empfohlen wird eine Supplementierung u.a. auch bei Pa-rodontose, rheumatischen Erkrankungen, mangelnder Lichtexposition und zur Linderung allergischer Reaktionen. (KLR)


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