Pflanzliche Stimmungsaufheller | Apotheken-Depesche 2/2019

Johanniskraut - Hypericum perforatum L.

Bei verschiedenen frei verkäuflichen Arzneimitteln sollte das Apothekenteam die Kunden zur Einnahme weiterer Medikamente befragen. Johanniskrautpräparate sind hier unter den pflanzlichen Arzneimitteln besonders zu erwähnen. Denn das Johanniskraut ist ein umfassend charakterisiertes Phytotherapeutikum mit nachgewiesener Wirkung und bei leichten bis mittelschweren depressiven Verstimmungen äußerst hilfreich. Jedoch ist es notwendig, mögliche Wechselwirkungen zu beachten.
Vor allem zwei Inhaltsstoffe des Johanniskrauts gelten als aktiv wirkbestimmend: Hypericin (Anthrachinon) und Hyperforin (Phloroglucinol). Der Gehalt beider Komponenten weist eine natürliche Variabilität auf, die meisten Präparaten sind auf ihren Gehalt an Hypericin eingestellt (Ph. Eur., BP). Hyperforin aber ist die therapeutisch wichtigere Verbindung, und inzwischen sind einige Zubereitungen auf beide Inhaltsstoffe eingestellt (USP, 1).
Weitere Inhaltsstoffe sind ätherische Öle, die beruhigend wirken und bei äußerlicher Anwendung kühlen und Schmerzen lindernde Flavonoide, ( z. B. das Quercetin) welches sich günstig auf den Serotoninspiegel auswirkt und Gerbstoffe (wie Catechin), die eine positive Wirkung auf die Darmschleimhaut haben (2).
Äußerlich werden Johanniskrautbllätterextrakte- oder -tinkturen gemäß traditioneller Anwendung bei leichten Hautentzündungen wie Sonnenbrand und zur Wundheilung eingesetzt. Die Wirksamkeit der oralen Einnahme von Johanniskrautpräparaten bei leichten bis mittelschweren Depressionen ist mit placebo-kontrollierten Studien belegt. Johanniskrautpräparate sind also eine wichtige naturheilkundliche Therapieoption.
Aufgrund seiner induzierenden Effekte auf CYP3A4 und das P-Glykoprotein tritt Johanniskraut mit vielen chemisch synthetisierten Arzneimitteln in Interaktion. Hier ist Hyperforin die aktive Komponente. Die Stärke der Bioverfügbarkeit ist in verschiedenen Formulierungen aber unterschiedlich, weshalb Prognosen über Wechselwirkungen nicht zuverlässig gegeben werden können und auch nicht, wie stark diese ausfallen. Im Folgenden werden einige wichtige Arzneien aufgeführt, die mit Johanniskraut interagieren können.
 
Antidepressiva
Unter gleichzeitiger Einnahme von Antidepressiva vom SRIbzw. SSRI-Typ und Johanniskraut kann die Serotoninkonzentration im zentralen Nervensystem so stark ansteigen, dass es bis zum lebensbedrohlichen Serotoninsyndrom kommen kann. Hierzu zählen u. a. Sertralin, Trazodon, Paroxetin, Venlafaxin und Citalopram. Auch trizykliche Antidepressiva, wie Amitroptylin und Nortriptylin, können von Interaktionen betroffen sein.
 
Hormonelle Kontrazeptiva
Bei oral einzunehmenden Gestagenpräparaten (Levonorgestrel, Desogestrel, Norethisteron) liegt die Vermutung nahe, dass die kontrazeptive Wirksamkeit durch Johanniskraut beeinträchtigt wird. Auch können Zwischenblutungen auftreten. In den meisten Beipackzetteln wird eine Wirkherabsetzung hormoneller Kontrazeptiva ohne Unterscheidung genannt.
 
Immunsuppressiva
Hierzu zählen die Arzneimittel Ciclosporin, Tacrolimus und Sirolimus, die zur Unterdrückung der Abstoßungsreaktionen von Transplantaten eingesetzt werden. Die Einnahme von Johanniskraut kann die Ciclosporinplasmaspiegel innerhalb weniger Wochen stark herabsetzen.
 
Digoxin
Die Hinweise, dass Johanniskrautzubereitungen die Plasmaspiegel des Herzglykosids Digoxin um etwa ein Viertel bis ein Drittel senken können, sind stark. Denn Hyperforin senkt nachweislich die Aktivität des intestinalen P-Glykoproteins, was zu einer reduzierten Resorption von Digoxin führt.
 
Statine
Die Wirksamkeit von Simvastatin und Atorvastatin können durch eine gleichzeitige Einnahme von Johanniskraut beeinträchtigt werden. Zwar gibt es nur wenige Hinweise, jedoch konnte in Studien ein Anstieg des Gesamtcholesterins unter gleichzeitiger Einnahme beider Wirkstoffe nachgewiesen werden. Eine gleichzeitige Einnahme von Simvastatin und Atorvastatin ist deshalb nicht zu empfehlen.
 
Zytostatika und Opioide
Bei den Zytostatika werden Imatinib und Irinotecan genannt. Zu Methotrexat liegt bislang nur eine tierexperimentelle Studie vor. Johanniskraut kann offenbar die Bioverfügbarkeit von Oxycodon herabsetzen und die Plasmaspiegel von Methadon senken.
 
HIV- und AIDS-Medikamente
Serumkonzentrationen von Proteinase- Hemmern wie Indinavir, Fosamprenavir und Nevirapin können durch die Johanniskrauteinnahme in deutlichem Umfang verringert werden. Eine gleichzeitige Gabe sollte also nicht erfolgen. EG

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