Apotheken-Depesche 6/2016

Ungewisses Gefahrenpotenzial

Tattoos – Toxizität, die unter die Haut geht?

Über die letzten Jahrzehnte haben Tätowierungen als modisches Mittel die breite Masse erreicht. Im Fokus der Medizin stand bisher vor allem die Hygiene beim Tätowieren. Bedenklich sind aber auch die Inhaltsstoffe der eingesetzten Tinten, denn wie sich diese auf den Körper auswirken, ist weitgehend unbekannt.

Über 35% aller unter 40-Jährigen tragen mindestens ein Tattoo am Körper. Die Tätowiertinten, mit welchen die Bilder heute gestochen werden, sind jedoch toxikologisch kaum untersucht. Die wichtigste Komponente der Tinten sind unlösliche Farbstoffe, die zusammen mit diversen Zusatz- und Konservierungsstoffen in Wasser dispergiert werden. Schwarz, das am meisten genutzt wird, ist meist aus Rußstoffen, Titandioxid, Eisenoxid und/oder weiteren Beistoffen zusammengesetzt.
Beim Tätowieren wird im Schnitt 1 mg Tinte pro cm² Tattoo injiziert. Relativ große Mengen der einzelnen Tintenkomponenten können noch Jahre später in der Haut sowie in den regionalen Lymphknoten nachgewiesen werden. Das gilt auch für die in vielen bunten Tattoos verwendeten polyzyklischen und Azoverbindungen, die eigentlich für industrielle Zwecke entwickelt wurden und in ihrer Reinheit und Zusammensetzung stark variieren.
 
Voll mit Schwermetall und toxischen Zusatzstoffen
 
Farbträger in Tätowiertinten sind häufig Schwermetalle (z. B. Titan, Barium, Aluminium und Kupfer). Zwar scheint der Gehalt an kritischen Stoffen wie Quecksilber, Chrom und Cadmium in modernen Tinten zurückgegangen zu sein, doch sind sie immer noch häufig in Konzentrationen von μg bis mg/kg nachweisbar. Auch die beigefügten Zusatzstoffe sind häufig bedenklich. Einige Farbstoffe enthalten zytotoxische und/oder karzinogene Komponenten oder können chemisch oder durch Licht gesteuert in solche zerfallen (UVA-Strahlen dringen immerhin 1,5 mm in die Haut ein). Beispiele sind die Pigmente Gelb 74, Orange 13 oder Rot 22.
 
Infektionen sind seltener geworden
 
Das mit dem Durchstechen der Hautbarriere verbundene Infektionsrisiko beim Tätowieren ist bekannt. Bakterielle Infektionen treten bei rund 1 bis 5% aller Tattoo-Träger nach dem Stechen auf, ausgelöst u. a. durch Staphylokokken der Gruppe A, Streptokokken, Mycobakterium und Pseudomonas. Möglich sind aber auch multibakterielle, virale und Pilzinfektionen.
Durch verschärfte Hygienebestimmungen gehen die meisten Infektionen heute auf opportunistische Bakterien und Hautkommensalen zurück. Unterschätzt wird aber häufig die bakterielle Belastung der Tinte, die inkorrekt als steril ausgewiesen sein kann und die von manchen mit Leitungswasser verdünnt wird.
Das Ausmaß der Infektionen reicht von oberflächlichen lokalen Hautinfektionen bis hin zu pyogenen Infektionen mit Abszessbildung, Erysipel und Gangrän und systemischen Infektionen mit Sepsis und Endokarditis. In einer Umfrage in Deutschland im Jahr 2010 gaben 68% aller befragten Tätowierten an, dass das Tätowieren mit Komplikationen verbunden war, besonders bei farbigen Tattoos. Bei 7% handelte es sich um systemische Komplikationen, bei 6% waren die Beschwerden persistent.
Chronische Nebenwirkungen des Tätowierens treten am häufigsten in Form von allergischen Reaktionen auf, vor allem bei Verwendung roter Pigmente. Solche Reaktionen können Monate oder Jahre nach dem Tätowieren auftreten, was vermutlich an der lebenslangen Dauerexposition mit den Pigmenten liegt. Meist sind die allergischen Reaktionen entzündlich und können bei schwerer Allergie zu Ulzerationen, exzessiven epidermalen Hyperplasien oder Uveitis führen. Ferner kann die Allergie auch eine Sensibilisierung auf Textilfarbstoffe hervorrufen.
Mit einem Patch-Test lassen sich die allergischen Reaktionen auf Tätowiertinte nicht identifizieren. Man vermutet, dass sich die Allergie in diesem Fall langsam entwickelt und wahrscheinlich keine Tintenkomponente direkt als Allergen fungiert, sondern dieses sich erst in der Haut bildet, z. B. durch metabolische Prozesse. Da die Pigmente i. d. R. sehr schwer löslich und langlebig sind, ist allerdings umstritten, inwieweit sie tatsächlich in den Stoffwechsel eingreifen können. Unklar ist auch, ob die teils in den Tinten enthaltenen karzinogenen Bestandteile tatsächlich ein lokales oder systemisches Krebsrisiko nach sich ziehen. In der Literatur sind bisher nur 50 Einzelfälle von Krebserkrankungen beschrieben, bei welchen über eine Assoziation mit einer Tätowierung spekuliert wurde. OH

Wenn es wieder weg soll

Jeder zweite Tätowierte bereut später die Entscheidung zur permanenten Körperdekoration. Bei allergischen Reaktionen ist eine Entfernung durch operative Exzision oder Abtragung des Dermatoms sinnvoll, um alle Farbrückstände zu entfernen. Anonsten wird die schonendere Entfernung per Laser bevorzugt. Je nach Fall sind vier bis über zehn Sitzungen nötig. Vor allem bei farbigen Tattoos ist eine vollständige Entfernung aber manchmal unmöglich. Auch ist unklar, wie die Zerfallsprodukte der Pigmente im Körper wirken.


Quelle:

Laux P et al.: A medical-toxicological view of tattooing. Lancet 2016: 387: 395-402



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ICD-Codes: L81.8

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