Mehrfach-Malignome | Apotheken-Depesche 6/2012

Ein Tumor kommt nicht immer allein

Je mehr Patienten eine Krebserkrankung überleben, desto mehr steigt die Inzidenz von multiplen Tumoren. Die Überlebensrate der betroffenen Patienten verringert sich im Vergleich zu denjenigen mit „nur“ einem Karzinom. Neues Datenmaterial über das Vorkommen von Mehrfach-Malignomen soll u. a. dazu beitragen, Risikogruppen zu identifizieren.

Niederländische Epidemiologen analysierten Prävalenz multipler Malignome in ihrem Land. Dazu werteten sie die Daten eines niederländischen Krebsregisters zwischen 1989 und 2006 aus. Als Mehrfach-Malignome klassifizierten sie autonome, von einander unabhängig auftretende Primärtumoren unterschiedlicher Histologie.

Von den rund 1,35 Millionen registrierten Krebspatienten entwickelten 6% weitere Primärtumoren. Am Stichtag, dem 1.1.2007, lebten noch rund 420 000 der Krebspatienten; bei 7% von ihnen waren multiple Malignome diagnostiziert worden. Ihr durchschnittliches Alter betrug zu diesem Zeitpunkt 74 Jahre. Die Erstdiagnose lag im Mittel acht Jahre zurück. Männer waren mit 8% etwas häufiger betroffen als Frauen (6%). Auch die Mortalität bis zum Stichtag war bei Männern höher (62 versus 51%).

Bis zu vier Krebserkrankungen

Bei 92% der Patienten mit Mehrfach-Malignomen wurden zwei Primärtumoren diag­nostiziert. Überlebende mit einem Fünffach-Malignom gab es am Stichtag nicht.

Im Mittel verging zwischen zwei Krebsdiag­nosen ein Jahr. Diese Zeitspanne verkürzte sich mit zunehmender Zahl der Primärtumoren: Sie betrug zwischen der ersten und zweiten Diagnose noch durchschnittlich drei Jahre, zwischen der vierten und fünften nur noch sechs Monate. Am schnellsten, nach durchschnittlich einem Jahr, wurde ein zweiter Primärtumor bei Überlebenden eines Karzinoms des Harntrakts festgestellt. Nach einem Hodgkin-Lymphom dauerte es dagegen im Mittel sechs Jahre bis zur Diag­nose des zweiten Malignoms.

Die höchste Prävalenz von Mehrfach-Malig­­nomen, nämlich 15%, erfassten die Autoren nach einem Karzinom des Harntrakts. Bei Tumoren des Mundraumes und Pharynx betrug sie 12% und bei Plattenepithelkarzinomen 10%. Am geringsten vertreten waren Tumoren des männlichen Genitaltrakts (3%). Unter den nachfolgenden Karzinomen wurden besonders häufig Plattenepithelzellkarzinome der Haut, kolorektale und Mammakarzinome diagnostiziert.

Die größten Fallzahlen fanden die Autoren bei folgenden Tumorkombinationen: Brustkrebs mit Tumoren des weiblichen Genitaltrakts, Tumoren des Harntrakts mit Prostata-CA, Morbus Hodgkin mit nachfolgendem Mamma-CA sowie Non-Hodgkin-Lymphom mit nachfolgendem Plattenepithelkarzinom der Haut. Diese Assoziationen führten sie zum Teil auf gemeinsame Risikofaktoren für die verschiedenen Karzinome zurück, wie etwa hormonelle Faktoren bei Mamma-CA und Tumoren des weiblichen Genitaltrakts. Auch eine gemeinsame genetische Disposi-tion kann eine Rolle spielen: So machen BRCA1/2-Trägerinnen rund 2 bis 5% der Fälle von Mamma- und Ovarial-CA aus, besonders bei jüngeren Patientinnen. Nebenwirkungen der Krebstherapie, vor allem der Radiotherapie, können möglicherweise die hohe Prävalenz von Mamma-CA bei Überlebenden eines Morbus Hodgkin erklären. Für die hohe Rate an Plattenepithelkarzinomen der Haut nach Non-Hodgkin-Lym­pho­men wird eine krankheits- oder therapieinduzierte Immunsuppression verantwortlich gemacht. Die häufige Diagnose von Tumoren des Harntrakts vor oder nach Prostata-CA lässt sich zum Teil durch gemeinsame diagnostische Strategien begründen.

Wer früh stirbt, bleibt verschont

Eines der häufigsten Karzinome, der Lungenkrebs, trug dagegen kaum zur Prävalenz von Mehrfachmalignomen bei: Zwar spielt das Rauchen als Risikofaktor auch bei vielen anderen Krebserkrankungen eine Rolle, doch ist die Lebenserwartung beim Bronchialkarzinom zu kurz, um weitere Malig­nome zu erleben.

Die tatsächliche Prävalenz multipler Malignome schätzen die Autoren noch deutlich höher als die von ihnen ermittelten 7% ein – zum einen deshalb, weil sie eine der häufigsten Tumorarten, das Basalzellkarzinom, nicht in ihre Untersuchungen mit einbeziehen konnten; zum anderen ergibt ein Follow-Up von 18 Jahren nur etwa 90% der lebenslangen Prävalenz. Eine ähnliche Studie in den USA errechnete 2001 eine Prävalenz von 8% unter den Krebspatienten; 2004 betraf dort jede sechste Krebsdiagnose einen multip­len Primärtumor.

Frühere Studien belegen außerdem, dass das Risiko, ein neues Malignom zu entwickeln, bei Krebspatienten höher als im Bevölkerungsdurchschnitt ist. Selbst bei einer erst kurz zurückliegenden Krebsdiagnose sollte bei erneuter Symptomatik auch an ein Zweit- oder Dritt-Malignom gedacht werden. Weil die Zahl der überlebenden Krebspatienten weiterhin um 3 bis 5% pro Jahr steigt und sich die Prognose mit jedem überlebten Jahr verbessert, werden Mehrfach-Maligno­me eine immer wichtigere Rolle in der Krebstherapie spielen. cw


Quelle: Liu L et al.: Prevalence of multiple malignancies in the Netherlands in 2007, Zeitschrift: INTERNATIONAL JOURNAL OF CANCER, Ausgabe 128 (2011), Seiten: 1659-1667

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