Diabetes mellitus | Apotheken-Depesche 12/2006

Blutzuckerschwankungen aktivieren oxidativen Stress

Oxidativer Stress spielt eine wichtige Rolle für Diabeteskomplikationen. In welchem Ausmaß anhaltend hohe Blutzucker-Werte bzw. deren akute Schwankungen dazu beitragen, untersuchte man in Frankreich. In Baltimore wurde überprüft, was Blutzucker-Selbstmessung und die HbA1c-Bestimmung leisten können.

Zu den vaskulären Schäden bei Diabetes kommt es über mindestens vier wichtige Mechanismen wie z. B. Sorbit- und Fruktose-Akkumulation. Neuerdings wird angenommen, dass allen eine Superoxid-Überproduktion der Mitochondrien zugrunde liegt. Nun wurde bei 21 Typ-2-Diabetikern und 21 Kontrollpersonen der oxidative Stress über die 24-Stunden-Ausscheidung von frei em 8-Iso-Prostaglandin F2α ermittelt. Die Glukose wurde 48 h interstitiell gemessen und der Mittelwert der glykämischen Schwankungen (MAGE) berechnet, ebenso die Flächen unter den postprandialen Blutzucker-Anstiegen (AUCpp). Die langfristige Belastung wurde über HbA1c, Nüchternglukose und Durchschnitts-Blutzucker über 24 h eingeschätzt.

Die 8-iso-PGF2α-Ausscheidung war bei den Diabetikern im Mittel höher als bei den Kontrollen (482 vs. 275 pg/mg Kreatinin). Es fand sich keine signifikante Korrelation mit den HbA1c-Werten. Bei multipler Regression ergab sich für die MAGE- und PGF-Werte ein Koeffizient r = 0,8. Die postprandialen Anstiege stellten nur einen Teil der relevanten Schwankungen dar. Akute Blutzucker-Schwankungen übten also einen spezifischeren Triggereffekt auf oxidativen Stress aus als dauerhaft erhöhte Werte.

Die Metaanalyse, die Blutzuckerselbstmessung und Bestimmung des HbA1c bewertete, kam zu dem Schluss, dass die korrekt ausgeführte regelmäßige Selbstmessung dabei hilft, den Blutzucker-Spiegel zu verbessern, vor allem bei Insulin-Behandelten. Über den besten Zeitpunkt und die Frequenz besteht in der Literatur keine klare Übereinstimmung; klinisch empfiehlt sich die regelmäßige Messung, wobei die Häufigkeit von der Behandlung und der Instabilität des Blutzucker-Spiegels abhängt. In der näheren Zukunft könnte die Selbstmessung durch das kontinuierliche Glukosemonitoring ersetzt werden.

Der HbA1c-Wert spiegelt die glykämische Kontrolle der vorangegangenen drei bis vier Monate wider. Eine ganze Reihe Störfaktoren können das HbA1c beeinflussen; es haben sich aber standardisierte Messungen gut durchgesetzt. Derzeit stellt ein Wert unter 7% ein angemessenes Therapieziel dar.

Eine neue spezifischere Messmethode mit Massenspektroskopie und Kapillarelektrophorese, die glykierte Valinreste am Hämoglobin misst, wird evtl. zu neuen Norm- und Ziel-Werten und vielleicht sogar zu einem neuen Namen für den Test führen. (EH)

Diese Ergebnisse haben, falls sie in größeren Studien bestätigt werden, enorme klinische Auswirkungen. Auch Typ-2-Diabetiker sollten demnach ihren Blutzucker häufiger selbst bestimmen, um Schwankungen besser kontrollieren zu können, unabhängig vom HbA1c. Zweitens muss bei verschiedenen Therapiestrategien nicht nur deren Effekt auf das HbA1c überprüft werden, sondern auch deren Einfluss auf die Blutzucker-Schwankungen.
Quelle: Brownlee, M: Glycemic variability: a hemoglobin A1c-independent risk factor for diabetic complications, Zeitschrift: JAMA : THE JOURNAL OF THE AMERICAN MEDICAL ASSOCIATION, Ausgabe 295 (2006), Seiten: 1707-1708: , Zeitschrift: , Ausgabe (): , Zeitschrift: , Ausgabe ()

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