Apotheken-Depesche 2/2017

Demenz, Parkinson, Multiple Sklerose (MS)

Inzidenz durch Straßenverkehr erhöht?

Es mehren sich Hinweise, dass sich das Wohnen an vielbefahrenen Straßen negativ auf die Kognition auswirkt. Nun wurde in einer kanadischen bevölkerungsbasierten Kohortenstudie nach einer Relation zur Inzidenz von Demenz-Erkrankungen, Morbus Parkinson und MS gesucht. Im Fall der Demenz wurden die Forscher tatsächlich fündig.

Die Studie umfasste alle Einwohner Ontarios ohne diese drei neurologischen Erkrankungen zum 1. April 2001. Sie wurden nach dem Alter in etwa 4,4 Mio. Jüngere (20-50 Jahre; MS-Kohorte) und etwa 2,2 Mio. Ältere (55-85 Jahre; Demenz-/Parkinson-Kohorte) unterteilt. Nach der Postleitzahl wurde die Wohnnähe zu einer Hauptverkehrsstraße fünf Jahre zuvor (1996) ermittelt. Zwischen 2001 und 2012 wurden anhand von Registerdaten 243611 Neuerkrankungen an Demenz, 31577 an Morbus Parkinson und 9247 an MS identifiziert.
Gegenüber den Bewohnern, die > 300 Meter von einer verkehrsreichen Straße entfernt wohnten (Referenz: 1,0), war die auf verschiedene Variablen wie Komorbidität (Diabetes, KHK, Hirnverletzung etc.), Einkommen usw. adjustierte Hazard Ratio (aHR) für eine neue Demenzerkrankung deutlich erhöht: Sie betrug für jene mit einem Abstand von weniger als 50 m 1,07 (95%-KI: 1, 06-1,08; p = 0,0349). Bei zunehmender Entfernung, sank das Risiko: Die aHR lag bei einem Abstand von 50-100 m bei 1,04 (1,02–1,05) und bei 101-200 m bei 1,02 (1,01- 1,03). Wohnten die Menschen dagegen 201-300 m von der Hauptverkehrsstraße entfernt, war gegenüber der Referenzgruppe kein Unterschied feststellbar (aHR: 1,00; 95%-KI: 0,99- 1,01).
Die Zusammenhänge wurden in Sensitivitätsanalysen (Zugang zu Neurologen, spezifische Luftverschmutzung, Umzüge in der Vergangenheit etc.) bestätigt. Besonders eng scheint das Demenz-Risiko bei Hauptstraßenentfernungen < 50 m zu sein in a) größeren Städten (HR 1,12; 95%-KI: 1,10-1,14) und bei b) Menschen, die niemals umgezogen waren (HR:1,12; 1,10- 1,14). Mit der Demenz-Inzidenz gingen insbesondere hohe Werte an Stickoxid (NO2) und Feinstaub (≤ 2,5 μm) einher, diese erklärten aber die Relation nur teilweise.
Im Gegensatz dazu fanden sich für das nahe Wohnen an verkehrsreichen Straßen (< 50 m) und der Inzidenz an Morbus Parkinson und MS keine Anzeichen; die aHR betrug jeweils 1,0. JL

Kommentar

Der signifikante Zusammenhang zwischen Hauptstraßennähe und Demenz-Erkrankung in dieser riesigen Bevölkerungsstichprobe ist angesichts der rasanten weltweiten Urbanisierung äußerst bedenklich. Kausale Mechanismen könnten die Luftverschmutzung, aber auch der Straßenlärm sein, weil diese den oxidativen Stress und die Neuroinflammation begünstigen.


Quelle:

Chen H et al.: Living near major roads and the incidence of dementia, Parkinson‘s disease, and multiple sclerosis: a population-based cohort study. Lancet 2017; pii: S0140-6736(16)32399-6 [Epub 4. Jan.; doi: 10.1016/ S0140-6736(16)32399-6]



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